Fotomarathon – 24 Fotos in 12 Stunden

In Hamburg fand gestern der 5. Fotomarathon statt. Das Ziel war es, zu einem übergeordneten Motto innerhalb von 12 Stunden (10-22 Uhr) eine Serie abzuliefern, die 24 Themen fotografisch umsetzt. Um 10 Uhr erfährt man das Motto, die ersten acht Themen und den Ort, an dem es um 14 Uhr weitergeht. Das wiederholt sich nochmal um 18 Uhr und bis spätestens 22 Uhr kann man am Ziel die Speicherkarte auslesen lassen. Die Fotos müssen in der vorgegebenen Reihenfolge aufgenommen werden und dürfen nicht bearbeitet werden. Da es meine erste Teilnahme sein würde, hatte ich eine Freundin gefragt, ob sie Lust hätte, den Tag zusammen zu verbringen. Gina sagte zu, ließ aber das Ende offen, was ich völlig ok fand.

Am Freitagabend war ich ziemlich aufgeregt. Ich sortierte meine Ausrüstung, lud alle Akkus, formatierte die Speicherkarten, kontrollierte Datum und Uhrzeit an der Kamera. Abwechselnd blickte ich auf die Uhr und nach draußen, um eine Vorstellung zu bekommen, wann es wie dunkel wird. Ausserdem packte ich alles Mögliche, was man gebrauchen könnte, in einen Karton: Seil, Wäscheklammern, dymo, Edding, Gaffertape, Spielkarten, Kreide… Vorsichtshalber legte ich auch einen Blitz mit Stativ und Reflektoren zurecht – ausser der Kreide haben wir nichts davon benutzt.

Samstag verstaute ich mein Fahrrad im Kofferraum und packte alles andere dazu. Um halb zehn traf ich mich mit Gina im Alten Mädchen in der Schanze. Ich holte meine Startnummer ab und wir stärkten uns mit Kaffee und einem extra Frühstücksbeutel für die Teilnehmer.

01 altes mädchen

Um kurz vor zehn traf ich noch Thomas Leuthard, der letztes Jahr in der Jury und diesmal Teilnehmer war. Er hatte mir letzte Woche eine geniale Abwandlung seines Leuthard-Strap geschickt – eine Handschlaufe für die PEN F – für die ich mich direkt bedanken konnte.

Nach einer Begrüßung bekamen wir um 10 Uhr die ersten acht Aufgaben und das Oberthema „Die Stadt ist Deine Bühne“. Es würde also ein Tag mit Themen aus dem Theater-Umfeld werden. Wir sahen uns die Aufgaben an und diskutierten erste Ideen. Gäbe es das Oberthema nicht, könnte man vieles im Kleinen mit Figuren darstellen. Aber dann wäre die Stadt nicht die Bühne. Weiterhin war der Plan, erstmal jedes Foto in Schwarzweiß und Farbe aufzunehmen und später zu entscheiden. An der PEN F kann man das sehr schnell wechseln und ich dachte, ich hätte die Kontraste hochgedreht.

Auf dem ersten Foto müssen die Ziffern der Startnummer zu sehen sein und wir schauten uns vor Ort um. Ich war so hibbelig, dass Gina die Sache erstmal in die Hand nahm.
1. Wie es Euch gefällt – Hier zeigten wir einfach etwas, das uns gefällt, schrieben die Startnummer dazu und der Like-Daumen sollte die Sache rund machen.
2. Ensemble – Ginas Idee, die aufgereihten Stadträder an der Station am Schanzenbahnhof zu fotografieren, fand ich super. Leider gab es nur ein einziges. Gina hatte direkt die nächste Idee und am Fussballplatz wurden wir fündig.
3. Ungeschminkt – eine Szene, die wir uns schon ausgeguckt hatten, aber wegen der Reihenfolge verschieben mussten, war inzwischen von anderen Teilnehmern belagert, so zogen wir weiter und fanden einen jungen Mann, der bereitwillig posierte.
4. Kostüm – wir vermuten, dass diese Idee nicht allein unsere war und sind gespannt auf die Ausstellung.
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5. Kulisse – auch hier waren wir schon vorbeigekommen und Gina hatte das richtige Auge.
6. Zweitbesetzung – da wir keine Plakate mit Coverbands o.ä. fanden, sprangen mich diese Bänke an.
7. Generalprobe – von verbrannter Pizza über Eltern, die am Zebrastreifen mit ihren Kindern üben, stromerten wir durch die Schanze auf der Suche nach einer Eingebung zu diesem Thema. Dann entdeckte ich einen Junggesellinenabschied und die Mädels machten begeistert mit.
8. Lampenfieber – das ursprünglich von Gina entdeckte Schaufenster voller Lampen war unser nächstes Ziel. Unterwegs kamen wir an allerlei alten Fahrrädern vorbei und machten vorsichtshalber auch davon Fotos.
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Es war erst zwölf Uhr und wir mit den ersten Fotos schon durch. Also war eine Mittagspause locker drin. Gina kannte einen Laden, in dem gebackene Kartoffeln lecker abwechslungsreich gefüllt werden. Mit Blick auf den Telemichel entspannten wir uns etwas und gucken die Fotos schonmal durch. Wegen der Fussballtrikots und der nicht ganz scharfen Glühbirne tendierten wir zu den Farbfotos…

02 mittagspause

Ich holte noch die Akkubank aus dem Auto und dann fuhren wir mit der U-Bahn zur nächsten Station: dem Ufer-Cafe an der Hoheluftbrücke. Hier wurde die Startnummer abgestempelt (!) und wir bekamen die nächsten acht Themen, die wir irgendwie viel schwieriger fanden. Ich stellte fest, dass ich aus Versehen auch in RAW fotografiert hatte, änderte die Einstellung, hatte aber nicht den Mumm, irgendwas zu löschen. Ein Mitglied des Teams sagte, das sei beim Auslesen kein Problem.

9. Vorhang auf – da uns kein „Tadaaa-Moment“ einfiel, wollte ich U-Bahn-Türen verschwommen aufnehmen. Jetzt merkte ich, dass ich die Kontraste für schwarz-weiß genau falsch herum eingestellt hatte. Aber wir änderten den Plan nicht, ich passte die Einstellungen (Schatten dunkler, Lichter heller) an und gleich bei diesem Thema hatte ich das „Bähm-Gefühl“.
10. Rampenlicht – am Schauspielhaus machte Gina mir Mut, dass es ok sei, ein Plakat zu fotografieren, sie hatte allerdings ein anderes ausgesucht.
11. Diva – so ein richtiger Original-Typ mit herrlichem Bart und St. Pauli Shirt war Gina über den Weg gelaufen, aber so jemanden fanden wir leider nicht wieder. Ein gutaussehender Kerl in einem Friseursalon schien uns eitel genug zum Posen, aber ich war zu feige. Gina machte die Sache klar und überraschend wenig selbstbewusst posierte unsere Diva.
12. Monolog – dazu fiel uns gar nichts ein und eh wir gar nicht weiterkamen, beschlossen wir ein Graffitibild vom Wasserträger zu nehmen, das Gina entdeckt hatte.
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13. Blackout I – schwarz auf schwarz: ein entferntes Graffito war wirklich eine unzufriedenstellende Notlösung.
14. Souffleuse I – im „Lagerhaus“ bat ich ein Pärchen, sich etwas ins Ohr zu flüstern, damit war ich richtig zufrieden.
13. Blackout II – die Tube, aus der eine schwarze Paste läuft, war das perfekte Blackout im Wortsinn, dass musste es sein!!! Also brauchten wir wegen der Reihenfolge auch ein neues Bild zum Thema…
14. Souffleuse II – nun arrangierte Gina zwei Hunde entsprechend, das fanden wir genauso witzig wie den ersten Versuch.
15. Drama – später entdeckte ich zwar noch einen überquellenden Mülleimer, der auch gepasst hätte, aber zu spät. Dieses Schild befasst sich ja auch mit einem möglichen Drama.
16. Abgang – der Typ und seine Maschine waren so beeindruckend – was für ein Abgang!
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Es war viertel nach vier – wir saßen schon bei Kaffee und Kuchen. Beim Durchgucken der Bilder holte Schwarzweiß in unserer Gunst auf… Besonders die U-Bahn-Tür und der Biker wirkten in Farbe nicht so gut. Zu uns gesellte sich eine Teilnehmerin, mit der wir morgens schon gequatscht hatten. Gina musste noch etwas besorgen und wir verabschiedeten uns vorsichtshalber, weil die letzte Station möglicherweise ganz unglücklich liegen könnte. Ich ging also allein zum Hansaplatz.

03 letzter stop

Nächster Stempel, nächste acht Themen und Ziel in der Nähe der Osterstrasse. Perfekt gelegen, um Gina nochmal zu locken, aber um diese Uhrzeit natürlich auch schon leicht tote Hose. Egal! Wir verabredeten uns an der U-Bahn Osterstrasse und wollten zusammen wenigstens die Themen angucken, die ich Gina schonmal geschickt hatte.

17. Szenenwechsel – hier dachte ich sofort an ein Reisebüro und fotografierte ein doofes in der Langen Reihe. Gina fand in Eimsbüttel später ein viel besseres.
18. Letzter Akt – die Dame aus der Tchibo-Werbung ist vielleicht ein nicht ganz netter Beitrag, aber wir mussten fertig werden.
19. Heldentod – als ich den Hai bei Butlers sah, brauchten wir nur noch einen Helden. Was für ein Glück war es da, Snoopy zu finden! Gina leistete Beihilfe zum Mord und ich nutzte die Situation schamlos aus.
20. Loge – wir hatten die Kiddies schon vor dem Heldentod gesehen und nun fragte Gina sie, ob sie mitmachen würden. Sie stimmten zu, aber obwohl es von hinten war, hatten sie keine rechte Lust und guckten viel doller nach unten, als wir uns das gewünscht hatten.
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21. Beifall – Regen in Eimsbüttel… keine Location für Applaus. Daher musste diese Werbung einer Bank herhalten.
22. Verbeugung – wieder rächte es sich, am falschen Ort zur falschen Zeit zu sein. Gebeugte Scampi beim Sushi-Restaurant, umgefallene Fahrräder, verdrehte Buchstaben – wir nahmen erstmal alles mit. Dann fotografierte Gina gebogene Türgriffe und wie sie da so vor dem Fenster kniete, drückte ich ab.
23. Zugabe – bei Butlers hatte ich noch schnell eine Miniflasche Maggi gekauft. Als „Zugabe“ zu Gerichten gar nicht so ausgefallen.
24. Schlussvorhang – vorsichtshalber hatten wir eine Hochzeitskarte gekauft, aber ein „echtes“ Motiv wäre uns natürlich lieber gewesen. Gina fand diesen Typen an der Wand und das war es!!! Wir dachten noch über einen Bestatter nach, fanden auch einen. Aber vermutlich würden darauf noch andere kommen und unseren Beitrag fanden wir origineller.

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FERTIG!!!
Wir hatten noch viel Zeit bis zum Ziel. Es hatte wieder aufgehört zu regnen. Bei einer letzten gemeinsamen Erfrischung wollten wir die Bilder sichten, doppelte löschen und uns für Schwarzweiß oder Farbe entscheiden. Schwarzweiß gewann und ich kopierte die Farbbilder aufs iPhone, bevor ich sie mit zitternden Fingern löschte. Jetzt bloß keinen Fehler machen und alles versauen!!! Aber es ist jetzt eine Serie geworden, mit der wir wirklich zufrieden sein können. Ohne Gina hätte ich das niemals so hinbekommen und es wäre bei weitem nicht ein so schöner Tag geworden. Das Ziel war ja nicht, zu gewinnen, sondern so etwas mal auszuprobieren und dabei möglichst viel Spaß zu haben.

03 fast geschafft

Ein kurzer Bericht auf Snapchat (das hatte ich zur „Dokumentation“ auch tagsüber immer mal gemacht, Nutzername: foto.genuss), ein Post auf Facebook – alle SocialMedia Kanäle für den Moment befeuert. Bei Instagram werde ich in den nächsten Tagen je ein Foto posten.

Zurück an der U-Bahn verabschiedete sich Gina, um nach Hause zu fahren. Ich war wirklich froh, dass sie bei der letzten Etappe doch bis zum Schluss dabei sein konnte. Danke an ihre Männer!!!

Ich machte mich auf zum Cafe Strauss in der Wiesenstrasse. Es waren schon einige Teilnehmer dort. Irgendwie hatte ich einen guten Riecher und setzte mich zu zwei sehr netten Leutchen. Wir hatten uns sofort gegenseitig viel zu erzählen. Über den Tag, die Ideen und allgemein übers Fotografieren. Ich aß eine sehr leckere Kokossuppe, das tat gut. Mir taten zwar weder die Füße noch der Rücken weh, aber irgendwie merkten wir jetzt alle, dass wir doch ganz schön kaputt waren.

2016-07-09 Fotomarathon Hamburg - IMG_8176

Ab 21 Uhr konnte man die Speicherkarte auslesen lassen und alle zogen sich gegenseitig auf „oh, nur 23 Bilder – ist das richtig?“ oder „Speicherkarte nicht lesbar, wie doof!“. Aber ich habe von keinem echten Vorfall gehört. Auch bei mir war alles bestens. „Oh, schwarz-weiß!“ Ich bin nicht sicher, wie ich diesen Kommentar werten soll, denn allzu ausgefallen ist das ja nicht. Als „Finisher“ bekam man auch noch eine Urkunde. Ende August werden die Serien aller Teilnehmer ausgestellt. Darauf sind wir schon sehr gespannt, besonders auf die Umsetzung einiger Themen durch die anderen.

Wir redeten noch ein bisschen und mein Gegenüber lud mich ein, bei einer Fotocommunity mitzumachen. Das klingt sehr interessant, das werde ich mir auf jeden Fall mal angucken. Wir brachen gemeinsam auf zur U-Bahn und zerstreuten uns dann allmählich. Mein Auto stand wohlbehalten noch an der Rindermarkthalle und ich fuhr erschöpft, aber glücklich und erfüllt nach Hause.

Danke an das Team vom Hamburger Fotomarathon, das einen tollen Job gemacht hat!

Danke, Gina!

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6 Gedanken zu “Fotomarathon – 24 Fotos in 12 Stunden

  1. Hehe. Kombiniere: Du bist kurz nach mir ins Ziel gekommen, denn du hast mein Motorrad auf Deinem Zielfoto. 😀

    Für mich war es die erste Teilnahme am Fotomarathon Hamburg und ich freue mich, von Deinen Erfahrungen zu lesen. Auch ich wollte mit meiner Freundin losziehen, doch die konnte erst viel später dazu kommen. Wie bereichernd es sein kann, sich zwischendurch auszutauschen lese ich hier ganz deutlich. Ebenso mag ich Deine Idee, zunächst in Farbe und s/w aufzunehmen.
    Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Auswertung!! Lieben Gruß, Polly

    1. Hej Polly,
      Deinen Bericht habe ich auch verschlungen und musste natürlich beim Motorrad schmunzeln, als ich davon las. Das Foto am Ende bestätigte meinen Verdacht. Hut ab, dass Du Dich größtenteils alleine durchgeschlagen hast!
      Ich freu mich, dass die Blogbeiträge verlinkt wurden, denn ich finde es sehr interessant, über die Gedanken, Erlebnisse und teilweise selbst auferlegten Beschränkungen der anderen Teilnehmer zu lesen und natürlich bin ich neugierig auf die Umsetzung der Themen.
      Vielleicht sehen wir uns ja bei der Ausstellung, wir wissen ja jetzt die Startnummern 🙂
      Viel Spaß weiterhin und natürlich Erfolg bei der Jury-Entscheidung
      Liebe Grüße Claudia

  2. Sehr schöner Bericht und wirklich tolle Fotos. Was ist denn daraus geworden? Erster Platz?
    Mein Favorit ist „Vorhang auf“. Das Wahren der richtigen Reihenfolge ist ja wirklich eine krasse Regel.
    Hast Du Dir von den abgebildeten Personen eine mündliche oder schriftliche Erlaubnis geben lassen und jeweils Zweck und Thema genannt? Grüße

    1. Hallo Hendrik,
      vielen Dank! Nein, keine Platzierung, einfach nur ganz viel Spaß. Wir waren bei der Siegerehrung und einige Teilnehmer hatten wirklich tolle Serien dabei. Die mussten zwar dann das eine oder andere Thema ein bisschen verbiegen, damit es trotzdem passt, aber man muss ich entscheiden…
      Wir haben mit den Personen vorher gesprochen und ihnen, falls sie einverstanden waren, anschließend das Foto gezeigt, das wir verwenden würden. Manchmal entstand ein total nettes Gespräch und wenn wir erst nur von einem Fotowettbewerb gesprochen haben, wollten einige die komplette Philosophie eines Fotomarathons wissen.
      Ich hätte Dir gern vor dem Hamburger Fotomarathon 2017 geantwortet, aber ich war leider unterwegs und konnte daher auch selbst nicht teilnehmen. Falls Du dabei warst, hoffe ich, dass Du genauso viel Spaß hattest, wie wir letztes Jahr!
      Viele Grüße
      Claudia

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